Neubau Verwaltungsgebäude SWBB-Zentrale, Böblingen (BW)

Ausgangslage

Die Umgebung des Baufeldes ist heterogen geprägt durch Wohnungsbau mit unterschiedlicher Dichte (u. a. Hochhäuser 16-geschossig) und vereinzelten Gewerbebauten im Norden und Westen, sowie öffentlichen Bauten wie Schulen, Kindergarten, Sportanlagen im Osten. Südlich angrenzend befinden sich Waldflächen, vorgelagert die Betriebszentrale der SWBB mit Heizkraftwerk und Wasserversorgung.

Städtebauliche Leitidee

Die Baumasse des geplanten Neubaus orientiert sich in ihrer Größe am bestehenden Verwaltungsbau und wird als räumlicher Abschluss mittels Randbebauung nördlich des bestehenden Verwaltungsbaus vorgeschlagen.

Städtebauliche Struktur / Gebäudestruktur

Die östliche Gebäudekante des geplanten Neubaus nimmt Bezug auf die Gebäudekante des bestehenden Verwaltungsbaus. Das Gebäude bildet mit der 4-geschossigen Gebäudefront zur Ernst-Reuter-Straße einen optisch ruhigen und „aufgeräumten“ Abschluss des Betriebsareals. Um das bestehende vor- und zurückspringende Parkdeck im Erdgeschoss zu nutzen, wurde der Haupteingang des geplanten Neubaus im Erdgeschoss eingerückt und damit gleichzeitig überdacht. Dies ermöglich zum einen eine übersichtliche und gewohnte Erschließung, zum anderen müssen nahezu keinerlei Änderungen am vorhandenen Parkdeck mit darunter befindlicher Tiefgarage vorgenommen werden (= Wirtschaftlichkeit). Das darüber befindliche Obergeschoss kragt in diesem Bereich frei aus, was dem Haupteingang in seiner Erscheinung eine repräsentative Note verleiht. Der geplante Neubau steht vollständig für sich allein (körperschalltechnisch entkoppelt). Unter dem Vordach können zwei Behinderten-Stellplätze angeboten werden. Das Gebäude verfügt über eine nach Westen ausgerichtete Schrägfassade, zum einen um möglichst viel Tageslicht in das Gebäude einfließen zu lassen, zum anderen um dem direkt angrenzenden Baubestand, dessen natürlichem Wuchs mit „Respekt“ zu begegnen. Darüber hinaus verleiht es der, von der Ernst-Reuter-Straße (= Hauptzufahrt) aus sichtbareren Gebäudefront, eine futuristische und repräsentative Ansicht. Hier, sowohl auf den „Grünen Balkonen“, der einzelnen Etagen, als auch „unter den Bäumen“ befinden sich die Freibereiche zur Erholung der Beschäftigten.

Erschließung

Aufgrund der Nutzung kann das Areal generell nicht autofrei gehalten werden. Was den geplanten Neubau allerdings angeht, war klares Ziel, sämtlichen Autoverkehr zu bündeln und bereits vorhandene Erschließungswege sinnvoll mit zu nutzen. Die Erschließung der Anlage erfolgt grundsätzlich über die Ernst-Reuter-Straße, sowie fußläufig oder mit dem Fahrrad über einen Waldweg, welcher hinauf zum Wohngebiet Diezenhalde führt. Die Erschließung innerhalb des Betriebsareals wurde nicht geändert. Der Haupteingang des geplanten Neubaus befindet sich direkt gegenüber vom Haupteingang des bestehenden Verwaltungsbaus. Direkt neben dem Haupteingang befinden sich nun 2 Behinderten-, sowie die bisherigen Kunden- bzw. Beschäftigten-Stellplätze. Über die Ernst-Reuter-Straße (Nord) gelangt man zu den im UG/TG befindlichen Stellplätzen (KFZ + Fahrrad). Die bisherige Lagerfläche für hohe Lagergüter soll entsprechend umorganisiert werden; ein entsprechender Platz dürfte sich im südwestlichen Bereich des Betriebshofs finden lassen.

Gebäude

Das Gebäude ist 5-geschossig. Alle Etagen sind als Zweibund organisiert. Im Erdgeschoss befinden sich neben dem Haupteingang auch das Foyer, Büros, sowie 2 Besprechungsräume für je 20 Personen bzw. bei Zusammenschaltung 40 Personen. Die Besprechungsräume sind zum öffentlichen Straßenraum hin orientiert, was Bürgernähe und Transparenz signalisieren soll. Toilettenanlagen (inkl. Beh.-WC) und Teeküche sind als Block ebenfalls enthalten, deren Position im Gebäude vertikal übereinander angeordnet wurden. In den Obergeschossen sind ebenfalls Büros mit dazugehörigen Nebenanlagen, Pausen- und ruhebereiche vorhanden. Die Besonderheit des Gebäudes sind die großzügigen Beschäftigen Bereiche, welche zum einen Raum für Begegnungen, zum anderen Ruhebereiche anbieten. All diesen Räumen sind „grüne Freiräume“ zugeordnet. Im Erdgeschoss wird der Freibereich durch eine gestaltete Treppe ergänzt, welche Zugang zum Garten ermöglicht (Sitzen „unter Bäumen“). Gleichfalls dient die Treppe als zweiter Fluchtweg. Die Büroräume nach Süden sind raumhoch verglast (Pfosten-/Riegel) mit geschlossenen Fensterflügeln / Paneelen, dies soll u. a. auch die Zusammengehörigkeit (Blickbezug) von Bestandsbau und geplantem Neubau unterstreichen. Büroräume nach Norden sind ebenfalls überdurchschnittlich verglast, die Fenster Elemente (Rahmenfenster) weisen Vor- und Rücksprünge auf, was gemeinsam mit der gebäudeprägenden Metallfassade für ein abwechslungsreiches und spannungsvolles Erscheinungsbild sorgt (Schattenspiel).

Büroform:
Zellenbüros (Einzel- und Mehrpersonenbüro mit Schwerpunkt Mehrpersonenbüro).

Raster Tragwerk/Ausbau:
Das Fassaden- bzw. Achsraster wurde mit 1,40 m gewählt.

Dachbegrünung:
Extensive Dachbegrünung, Substratschicht > 10 cm

Photovoltaikanlage:
Photovoltaikanlage (ca. 150 m²), Stromgewinne werden in das Netz eingespeist.

Barrierefreies Bauen:
Das geplante Gebäude ist barrierefrei nach DIN 18040-1 geplant.

Statik

Tragsystem:
Der geplante Neubau ist in Massivbauweise geplant. Die Gebäudeaussteifung erfolgt über Treppenhaus und Liftkern. Die Herstellung der oberen Geschosse erfolgt in Stahlbetonskelettbauweise, Dies gewährleistet eine höhere Transparenz in den oberen Geschossen. Alle tragenden Wände sind in Stahlbeton geplant. Die Wandstärken betragen zwischen 20 und 30 cm, die Stützendurchmesser zwischen 30 und 45 cm. Die Geschossdecken sind grundsätzlich als Flachdecken mit einer Stärke von 35 cm ausgelegt. Deckenunterzüge werden nach statischer Erfordernis vorgesehen.

Gründung:
Flachgründung mit lokalen Verstärkungen unter den Stützen und Wänden. Eine genaue Auslegung erfolgt im Zuge der weiteren Bearbeitung in Abstimmung mit dem Geologen.

Baumaterialien:
Sämtliche Bauteile werden in Stahlbeton erstellt. Für Decken, Unterzüge und Wände ist die Betongüte C25/30 vorgesehen, Stützen sowie Fertigteile werden in höheren Betongüten ausgeführt.

Herstellungsverfahren:
Die Herstellung des geplanten Neubau ist großteils in Ortbetonbauweise vorgesehen. Der Treppenhauskern kann aus vorgefertigten Stahlbetonhohlwänden mit Ortbetonkern ausgeführt werden, wodurch eine wirtschaftliche Bauweise sowie eine Beschleunigung der Bauzeit möglich ist.

Bauphysik:

Stahlbetonwände (Sichtbeton wo sichtbar) mit MF-Dämmuung, d= 30 cm.

Nordfassade:
Alu-Rahmenfenster, z. B. Schüco/AWS 90.SI+ (passivhauszertifiziert)

Südfassade:
Alu-Pfosten-/Riegelfassade, z. B. Schüco/FWS 50.SI (passivhauszertifiziert)

Metallfassade:
Aluminium-Verbundplatte, z. B. Alucobond A2 600 Sunrise Silver Metallic, vorgehängt u. hinterlüftet

Energiekonzeption

Es wird eine energiesparende und klimafreundliche Kombination von ökologischer und ökonomischer Nachhaltigkeit beim Bauen angestrebt. Dies soll u. a. erreicht werden durch:

– Vermeidung von Transporten von Baustoffen und Bauteilen
– Dauerhaftigkeit von Baustoffen und -teilen (z. B. MF- statt EPS-Dämmung)
– CO2-Bilanzierung (z. B. Beratung Vorfeld/Bauphase durch Dienstleister)
– C02-neutrales Konzept
– Passivhaus (mit Zertifizierung); DGNB-Zertifizierung (Platin, mind. Gold)
– Energie-Monitoring und Betriebsoptimierung

Aktive Systeme:
– Beheizung über Fernwärme (Primärenergiefaktor von fp, FW= 0,00; SWBB)
– Photovoltaik (PV) zur Erzeugung Primärenergie (Strom) für Plus-Energiehaus
– Betonkernaktivierung (Kühlen/Heizen)
– Lüftungsanlage für Austausch verbrauchter Büro Luft durch die Zufuhr von vortemperierter Frischluft mit Wärmerückgewinnung (WRG)
– Mechanische Be- und Entlüftung für hygienischen Mindestluftwechsel mit Wärmerückgewinnung

Passive Elemente:
– Hoher Tageslichteinfall durch raumhohe Fensteröffnungen (Süd + West)
– Natürliche Lüftung Treppenhaus (Kamineffekt)
– Speichermassen (Sichtbetondecken größtenteils ohne Abhangdecken)
– Sonnenschutz (Jalousien außen, Blendschutz innen)

Gebäudeform und Orientierung:
– A/V-Verhältnis (kompakte Bauweise)
– Baumaterialien
– Solare Wärmegewinne im Winter vs. solare Wärmelasten im Sommer

Elektro

– Effiziente künstliche Beleuchtung (LED); Arbeitsplätze mittels Stehleuchten
– Strukturierte Verkabelung unterhalb Hohlraumboden, LAN-Verkabelung, Blitzschutz
– EMA-Anlage, Zugangsberechtigung
– Präsenzmelder automatisch
– Steuerung Tageslichteinfall (Ein-/Ausschaltung Licht)

Brandschutz

– Notwendiger Treppenraum
– Flächendeckende Brandmeldeanlage (BMA)
– Zwei baulich getrennte Rettungswege, zusätzlich Fluchtfenster (Notraffung)
– Fluchtwegbreiten und Notausgänge nach gesetzl. Vorgabe

Freiraum

Auf den „Grünen Balkonen“, sowie unterhalb des westlich angrenzenden Baumbestands „unter den Bäumen“ sollen den Beschäftigten Bereiche angeboten werden, wo Erholung in den Pausen oder auch spontan ermöglicht wird. Zur Ernst-Reuter-Straße wird das Grundstück größtmöglich durch geplante, dichtwachsende Hecken optisch eingefriedet. Auf den Balkonen sind z. B. Kübelpflanzungen denkbar.

Wirtschaftlichkeit und Flexibilität

Wirtschaftlichkeit:
Das vorgeschlagene Energiekonzept, mit dem Einsatz alternativer Energiequellen, intelligenter Heiz- und Kühlsysteme und der Optimierung der Glasflächen, sowie dem hervorragenden Dämmstandard des Gebäudes, ermöglicht die Minimierung der Betriebskosten. Die Situierung der Haustechnikzentrale und der vertikalen Steigschächte ist so gewählt, dass möglichst kurze TGA-Leitungswege entstehen. Das vorgeschlagene Kühlsystem der Bauteilaktivierung unterstützt den wirtschaftlichen Betrieb des Gebäudes. Das Fassaden- bzw. Ausbauraster von 1,40 m ermöglicht den Einsatz standardisierter Ausbauteile. Das statische Raster der Betonstruktur wurde nach wirtschaftlichen Gesichtspunkten gewählt. Die gewählte Konstruktion der Stahlbetonskelettbauweise und der Ausbau der Trennwände in Leichtbauweise sowie der Einsatz von Hohlraumböden ermöglicht einen einfachen Umbau der Bürostrukturen und somit die Anpassung an genäderte Nutzungsanforderungen.

Flexibilität:
Das Grundrissraster des Gebäudes ist darauf ausgelegt alle Varianten möglicher Büroorganisationen und -Nutzungen (Kombi-, Großraum-, Gruppen-, Zellenbüro und deren Kombinationen untereinander) mit unterschiedlichen Nutzflächen zu ermöglichen. Zusätzlich werden Deckenfelder konstruktiv vorgerichtet um nachträglich eine interne vertikale Verbindung zwischen zwei Geschossdecken zu ermöglichen. Das Treppenhaus mit seinem vorgelagerten Erschließungsvorraum im Erdgeschoss, bietet bei entsprechender Abtrennung die Möglichkeit, bis zu drei getrennte Büroeinheiten mit eigenem Zugang auf den jeweiligen Etagen anzubieten.

Projektdetails

Bauherr: Stadtwerke Böblingen (SWBB)
Leistungen: LPH 1-3 HOAI
Team: Jörg Zimmermann, Karl-Heinz Nagel, Florian Wochele, Leonie Groß
Planung: 05/2020 bis 04/2022
Nutzfläche: 3.360 m²
Baukosten: 8.784.322 € Netto (KG 200-700)